10 Tage Schweigen: Mit Vipassana zu mehr Gelassenheit

10 Tage Schweigen?

Mit Vipassana zu mehr Gelassenheit

Vipassana ist eine uralte indische Meditationstechnik. Vipassana soll den menschlichen Körper von sämtlichen Leiden – körperlich und geistig – heilen. Die Technik wird in Meditationszentren weltweit gelehrt, in Deutschland zum Beispiel im sächsischen Triebel. 2.500 Menschen erlernen dort jedes Jahr Vipassana.

Die wichtigsten Elemente von Vipassana sind Schweigen während des gesamten Aufenthaltes, keinerlei Kontakt mit den Mitschülern, nicht einmal Blickkontakt, und Meditation. Die Zehn-Tageskurse sind strikt durchgetaktet. Jeden Tag sind mehrere mehrstündige Meditationen vorgesehen. Harter Tobak für uns westliche Menschen.

„Vipassana kann dir helfen zu einem besseren Menschen zu werden“, sagt Maik Ulrich, erfolgreicher Manager in der Maschinenbaubranche. Maik erlernt Vipassana seit zwei Jahren. Ich habe mit ihm gesprochen.

Maik, Vipassana ist ja nicht gerade Mainstream. Wie bist du dazu gekommen?

Ich habe mich schon vorher mit Meditation beschäftigt. Ein Freund hat mir dann von Vipassana erzählt. Er hat das in Australien gelernt. Ich habe mich im Internet informiert, wo man das in Deutschland lernen kann. So bin ich auf das Dhamma Dvāra in Triebel gekommen.

Du fährst im Dezember zum dritten Mal nach Triebel. Warum mehrmals?

Naja, Vipassana erlernt man nicht in zehn Tagen, also einem Kurs. Das ist ein lebenslanger Weg. Ich versuche, die Meditation auch im Alltag zu machen. Aber da gibt es, wie mit allem, den inneren Schweinehund.

Wie muss ich mir das im Meditationszentrum vorstellen?

Ganz ehrlich: Das ist wie Knast (lacht). Du musst Autoschlüssel, Geldbeutel und Handy abgeben. Die zwei wichtigsten Regeln: Schweigen und kein Blickkontakt. Gespräche gibt es nur mit den Kursleitern. Männer und Frauen sind strikt getrennt.

Wow, das ist hart. Und wie wohnt man in Triebel?

Das erste Mal, als ‚neuer Schüler‘, habe ich mit vier anderen Männern auf einem Zimmer gewohnt. Das ist schon gewöhnungsbedürftig. Fünf Männer sind nicht gerade leise (lacht). Aber das ist so. Als neuer Schüler wohnst du nie alleine.

Das letzte Mal war ich dann schon ‚alter Schüler‘ und hatte ein Einzelzimmer. Das war gut. So konnte ich auch für mich auf dem Zimmer meditieren.

Kommt man bei all dem Meditieren denn auch zum Essen?

Ja klar. Aber kulinarische Hochgenüsse darfst du nicht erwarten. Es gibt ganz einfaches, vegetarisches Essen. Das ist gut. Ich nehme immer ab (lacht).

Wie muss ich mir den Tagesablauf vorstellen?

Der Tag beginnt um 4:30 Uhr. Mit einer zweistündigen Meditation. Dann Frühstück. Und wieder Meditation. Das geht über den ganzen Tag. Immer wieder Meditation und kurze Pausen im Wechsel. Zwischendrin Gespräche mit den Lehrern. Das geht bis neun Uhr abends. Dann heißt es Licht aus, schlafen.

Man hat einen Stundenplan. Drei Meditationen in der großen Meditationshalle pro Tag sind Pflicht.

Jetzt zum eigentlich Kern: Der Meditation. Wie läuft die ab?

Du sitzt mit 100 anderen in einem Meditationssaal. Im Schneidersitz. Wer es kann. Zwei Stunden lang.

Klingt nicht bequem.

Nein. Mit dem Sitzen hatte ich am Anfang wirklich Probleme. Ich habe immer Rückenschmerzen bekommen. Aber da gibt es Hilfsmittel. Die sind auch erlaubt. Ich sitze auf einem Kissen. Mittlerweile geht das ganz gut.

Und die Meditation an sich? Wird die irgendwie angeleitet?

Ja. Es läuft ein Band mit einer Stimme. Es geht an den ersten Tagen darum, sich auf den Punkt zwischen Oberlippe und Nase zu konzentrieren, wo der Atem entlang fließt. Keine Gedanken zuzulassen.

Schätzungen zufolge denken wir 30.000 Gedanken pro Tag. Wie schafft man es, keine Gedanken zuzulassen?

Das ist am Anfang schwierig. Das Bewusstsein weigert sich. Aber es geht. Wie genau, kann ich dir auch nicht sagen.

Schweigen, keinerlei soziale Kontakte, null Privatsphäre, stundenlanges Meditieren – das ist alles ziemlich dogmatisch. Halten das alle durch?

Nein. Es gibt immer wieder Abbrecher. Das sind aber erstaunlich wenige. Was gut ist. Denn die Kurse an sich sind kostenfrei. Am Ende macht man eine Spende. Deshalb ist es wichtig, dass man durchhält. So können die Kurse für die folgenden Schüler finanziert werden.

Hast du selber ans Abbrechen gedacht?

Nein, ich habe nie überlegt, abzubrechen. Im ersten Kurs habe ich mich nach ungefähr einer Woche gefragt: „Was ist hier los? Was passiert hier eigentlich?“

Warum? Erklär mal genauer.

Ich hatte echte Fortschritte gemacht. In einer Meditation konnte ich meinen Rückenschmerz sehen. Wirklich. Er war als rote Stelle an meinem Rücken zu sehen. Dann nahm ich einen Radiergummi. Gedanklich. Die Stelle wurde langsam immer heller und kalt. Dann war sie weg. Und der Schmerz war auch weg.

Später, in einer anderen Meditation, sah ich meine Wirbelsäule vor mir. Ich konnte sie drehen wie ein 3D-Modell. Es gab drei Punkte. Da war mein Schmerz. Dann nahm ich gedanklich ein Skalpell und rubbelte an den drei Punkten. Das tat erst weh. Aber die Stellen wurden wieder heller und kalt. Und waren schließlich weg.

Das zeigte mir, dass der Geist über den Körper erhaben ist. Wirklich.

Wie beim Sport. Eine Faustregel sagt, dass 80 Prozent eines Marathons Kopfsache sind.

Genau so. Und auch der Kick: Du willst das Erlebnis wieder kriegen.

Wie hat dich die Meditation verändert?

Ich bin ruhiger, gelassener geworden. Früher war ich sehr aufbrausend. Ich habe mich tagelang an Situationen verzehrt. Jetzt kann ich runter fahren. Die Meditation ist ein Ausgleich zu meinem oft chaotischen Job.

Wie erlebst du die Wirkung von Vipassana in deinem Alltag?

Früher habe ich gesagt: „Menschen ändern sich nie.“ Heute glaube ich, dass man ein besserer Mensch werden kann. Ich bin zunehmend gelassener. Ich kann mich auch mal unterordnen. Ich schenke den Dingen, die ich gerade tue, Aufmerksamkeit. Ich konzentriere mich auf den Augenblick.

Du schweigst also zehn Tage lang und meditierst. Du guckst die 100 anderen Schüler nicht an. Wie geht da man am Ende des Kurses miteinander um? Das ist doch komisch oder?

Nein, überhaupt nicht. Man hat zu den anderen sofort einen Draht. Man kommt ganz leicht ins Gespräch. Obwohl jeder seinen eigenen Kampf kämpft, hat man ein gemeinsames Erlebnis: „Du hast doch da in der einen Meditation so laut gestöhnt. Was war da los?“ Und so weiter.

Wann fährst du wieder nach Triebel?

Schon bald. Im Dezember bin ich wieder zehn Tage dort.

Vielen Dank für die Offenheit, Maik.

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