Das passiert bei einer Familienaufstellung. Ein Erfahrunsgbericht.

Familienaufstellung

Seit langem habe ich mich auf diesen Tag vorbereitet. Immer wieder hatte ich von der Familienaufstellung gehört oder gelesen und nun will ich selber das erste Mal meine Familie aufstellen. Ich sitze in einem schlichten Praxisraum in einer Altbauwohnung in München. Mit mir werden an diesem Wochenende noch fünf andere Menschen ihre Familien aufstellen. Drei am Samstag, drei am Sonntag.

Familienaufstellung – ein Mischung aus Faszination und Skepsis

Das erste Mal habe ich im Jahr 2000 von Familienaufstellungen gehört. Eine Kollegin erzählte mir davon und gab mir dann auch ein Buch. Über das Familienstellen von Thomas Schäfer.

Was die Seele krank macht und was sie heilt: Die psychotherapeutische Arbeit Bert Hellingers

Preis: EUR 0,16

3.6 von 5 Sternen (67 Bewertungen)

79 gebraucht & neu erhältlich ab EUR 0,16

Was ich las und war unglaublich faszinierend. Störend fand ich u.a. die Aussagen Hellingers (Bert Hellinger ist der Erfinder dieser Methode. Dazu weiter unten mehr.) bzw. Schäfers zur Stellung der Frau. Die Frau sei dem Manne Untertan. Und noch einiges anderes komisches Zeug fiel mir auf. Zu aller Faszination mischte sich eine ordentliche Portion Skepsis. Die dann auch dafür gesorgt hat, dass ich nun, nach 15 Jahren, meine erste Familienaufstellung mache.

Mittlerweile sind alle da. Fast jeder hat eine Begleitperson mitgebracht. Auch ich. Die Aufstellungsarbeit braucht viele Leute, die die Familienmitglieder symbolisieren. Ein Teilnehmer kommt sogar aus Frankfurt. Zwei junge Frauen sind aus Neugierde da, um die Methode kennenzulernen. Um abzuwägen. Sie wollen, wenn, dann ein anderes Mal aufstellen.

Eine schwierige Mutterbeziehung

Das erste Mal habe ich vor etwa einem halben Jahr mit der Therapeutin Sabine[1] telefoniert. Sabine wurde mir von einer Freundin empfohlen. Vor zwei Monaten war ich dann das erste Mal in ihrer Praxis. Sie führte ein zweistündiges Vorgespräch mit mir. Sie wollte den Grund wissen. Warum ich aufstellen wollte. Ich berichtete ihr von einer schwierigen Beziehung zu meiner Mutter, von Unsicherheiten im Job, von fehlender Konstanz im Leben und vieles mehr.

Auf eine Tapetenrolle malte ich unseren Familienstammbaum. Zumindest soweit es ging. Namen der Personen, Verwandtschaftsgrad, Beruf. Das war interessant, noch nie vorher war ich so tief in unsere Familienstruktur eingetaucht.

Sabine fragte nach, hörte zu und machte sich Notizen. Sie bewertete keine meiner Aussagen, gab keine Ratschläge. Ich hatte das sichere Gefühl, mit dieser Aufstellung das Richtige zu tun.

Doch zurück zur eigentlichen Aufstellung.

Sabine begrüßt alle und jeder stellt sich kurz vor. Und dann ist auch schon der erste dran. Ein älterer Mann möchte anfangen. Wie viele musste er am Ende des zweiten Weltkrieges seine Heimat verlassen. Der Bauernhof, auf dem er aufgewachsen war, ließ ihn nicht los.

Dass ein Objekt, wie dieser Bauernhof, aufgestellt wird, ist eher ungewöhnlich. Meistens geht es um familiäre Situationen, die Verstrickungen auslösen. Um tot geschwiegene Kinder, kranke Familienmitglieder, Scheidungen, Adoptionen etc. Bei dem Bauernhofmann geht es um Vertreibung. Ein Thema das bei vielen Aufstellungen vorkommt.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Elke ist dran. Elke hatte bereits im vergangenen Jahr eine Aufstellung gemacht. Diesmal geht es um ihre Beziehung. Elke wählt aus uns allen ihre Stellvertreterin und eine weitere Person, die ihren Partner Herbert darstellt. Sie geht von einem zum anderen und lässt sie sich nur von ihren Gefühlen leiten. Ihre Stellvertreterin ist Simone aus Frankfurt. Der Bauernhofmann ist Herbert.

Nach und nach kommen weitere Personen dazu: Elkes Eltern, ihre Geschwister, der Großvater. Es ist verblüffend, aber die darstellenden Personen empfinden wie die „echten“ Personen, um die es geht.

Sabine befragt die aufgestellten Personen zu ihrem Befinden. „Wie fühlst Du Dich an der Seite von Elke?“ fragt sie Herbert. „Eingeengt. Ich möchte mich gern umdrehen.“ Sabine sagt: „Dann drehe Dich um.“ Herbert dreht sich um und geht auch noch zwei Schritte weg. „Ist es jetzt besser?“ fragt Sabine. Herbert nickt.

Die nicht-verbale Sprache zwischen Menschen nutzen

Peter Schlötter von der Universität Witten-Herdecke hat dieses Phänomen entdeckt. Eine Familienaufstellung zeigt eine Art symbolische, nicht-verbale Sprache zwischen den beteiligten Personen. Diese Symbolik wird von verschiedenen Personen ähnlich wahrgenommen.

Eine Person, die am äußeren Rand und hinten steht, ist jemand, der nicht dazugehört oder mit der Sache nichts zu tun hat. Anders eine Figur, die sich einer anderen Personen zuwendet. Das ist jemand, von dem etwas Wichtiges erwartet wird.

So ähnlich hat es Sabine auch vor den Aufstellungen erklärt und auch, dass man als Vertreter in einer Familienaufstellung Personen verkörpert, die mit dem eigenen Problem zu tun haben.

Dieses Phänomen kann ich bestätigen. Von den 6 Aufstellungen, werde ich viermal ausgewählt und bin ich viermal die Mutter. Und jedes Mal empfinde ich anders, ebenso wie die jeweilige Person, die ich verkörpere: Ich spüre Zuneigung oder Abneigung, Angst oder Freude. Ich fühle mich zu bestimmten Personen hingezogen. Oder mir kommen die Tränen, so traurig bin ich.

In einer Aufstellung bin ich 6-fache Mutter. Und spüre, dass eines meiner Kinder von einem anderen als meinem Mann ist. Doch das hat in diesem Fall für die Aufstellung gar keine Bedeutung.

In der vierten Aufstellung „spiele“ ich die „Hauptrolle“. Ich bin die Mutter in einer Familie, in der alle Probleme weggelacht werden. Und wirklich. Wir stehen alle minutenlang da und haben einen Lachanfall nach dem nächsten. Zum Schluss tun mir die Bauchmuskeln weh. Alle Beteiligten spüren, dass über die wichtigen Probleme in der Familie nicht gesprochen wird und mit Hilfe von Sabine, ergründen wir woran das liegt.

Wichtig: Eine professionelle Führung durch die Familienaufstellung

Überhaupt, Sabine macht das richtig gut. Egal welcher Aufsteller oder welches Problem. Sie geht sorgfältig an die Aufstellung heran, befragt immer wieder alle Beteiligten nach ihrem Befinden.

Sabine ist ausgebildete Psychotherapeutin und Heilpraktikerin und hat mehr als 10 Jahre Erfahrung u.a. in der Suchttherapie. Sie ist sensibel, aufmerksam und sehr professionell. Anders als der Begründer der Familienaufstellung Bert Hellinger.

Hellinger hat die Familienaufstellung in den 90er Jahren entwickelt. Er ist sehr umstritten. Insbesondere seine lieblose Herangehensweise wird scharf kritisiert: Die fehlende Einbindung der Methode in eine Therapie, die Inszenierung als Großveranstaltung und den unsensiblen Umgang mit seinen Klienten.

Auch von der von Hellinger vertretenden konservativen Meinung, dass die Frau nach dem Manne komme und dass die erste Frau mehr Wert ist als nachfolgende, distanziert sich Sabine.

Ich bin die vorletzte Aufstellerin. Ich wähle meine Stellvertreterin und andere Personen für meine Mutter, meine Schwester, meinen Bruder. Dazu gehe ich an allen langsam vorbei. Ich kann es nicht genau erklären, aber eine innere Stimme führt mich zu der passenden Person.

Ich schiebe mich, meinen Vater und meine Mutter an eine bestimmte Position. Beide stehen hinter mir. Ich sehe sie also nicht. Meine Eltern werden gefragt, wie sie sich in dieser Position fühlen. Mein Vater fühlt sich unwohl und geht ein ganzes Stück weg. Auch meine Mutter will weg von mir bzw. von meiner Stellvertreterin. Denn ich selber sitze am Rand und beobachte das Ganze. Ich fühle mich wie eine Theaterzuschauerin. Ich spüre, dass es da um mich, um mein Leben geht. Doch irgendwie habe ich eine Distanz. Und das ist gut so.

Mein Bruder wird dazu geholt. Auch er steht abseits. Sabine deutet es so, dass er nichts mit meinem Konflikt zu tun hatte. Das stimmt auch. Er ist älter als ich und hat wahrscheinlich nicht viel mitbekommen.

Wieder fragt Sabine alle nach ihrem Befinden. Meine Mutter geht noch einen Schritt weg und beklagt sich, dass sie sich so alleine fühlt. Mein Vater dreht sich nun auch noch weg. Wie im wirklichen Leben. Er hat sich nicht wirklich für mich interessiert und für meine Mutter auch nicht. Wie ich jetzt sehe.

Von unseren Vorgesprächen weiß Sabine, dass meine Großmutter eine wichtige Rolle gespielt hat. Die Person, die in der Aufstellung meine Oma verkörpert, wendet sich mir zu und lächelt. Das war WIRKLICH so. Meine Großmutter war immer für mich da und mir wohl gesonnen.

Das Ganze ist sehr surreal. Ich sitze da und sehe in mein Leben. Das Verhalten meiner Familienmitglieder erscheint mir vertraut. Die Distanz meines Vaters, das Klagen meiner Mutter. Es ist, als wenn sich da ein Puzzle zusammenfügt.

Etwa 90 Minuten dauert meine Aufstellung. Es kommt mir wie 20 Minuten vor. Am Ende begreife ich, dass meine Mutter mir ihre Probleme aufgeladen hat. Dinge, für die ich nichts kann, und die mir nicht gehören: Ihre Unzufriedenheit mit sich selbst und Probleme, die sie von ihrer eigenen Mutter, meiner Großmutter „aufgeladen“ bekam.

Am Ende komme ich in die Aufstellung, ich ersetze meine Vertreterin. Ich gebe meiner Mutter ihre Probleme zurück. Symbolisch. Als Kissen. Und dann drehe ich mich um und gehe aus der Aufstellung. Ich fühle mich erleichtert und habe nicht das Bedürfnis zurückzublicken.

Zwei Wochen nach der Aufstellung telefoniere ich noch einmal mit Sabine. Sie fragt mich, wie es mir geht und ob sich etwas geändert hat. Ich sage ihr, dass nichts passiert ist. Kein Knall. Kein Bumm. Es ist eher ein Gefühl entstanden. Ein Gefühl, dass mir eine Last von den Schultern genommen wurde. Ein Gefühl der Erleichterung. Und ein Gefühl, dass ich mit meiner Muttergeschichte abgeschlossen habe.

Und genau das ist es, sagt Sabine. Wer eine Familienaufstellung macht, darf nicht erwarten, dass sogleich etwas Großes passiert. Meist sind die Effekte viel subtiler. Unter der Oberfläche. Der Umgang mit dem Partner oder mit den Eltern wird leichter. Es fällt auf einmal leicht, bestimmte Entscheidungen zu fällen, die man vorher jahrelang vor sich hergeschoben hat. Oder man trennt sich von Personen, die einem nicht gut tun.

Eine Familienaufstellung ist keine Therapie, sondern eine Methode, die Klarheit zu bestimmten Lebensfragen bringt. Familienaufstellungen, bzw. Systemische Aufstellungen eignen sich für Menschen, die sich beruflich verändern wollen, aber auf Hindernisse treffen. Oder für Menschen, die immer wieder mit denselben Problemen konfrontiert werden, z.B. der gleiche Typ Mann, der nicht passt.

Nun weiß ich: Man sollte nicht mit der großen Wende im Leben rechnen. Nur ganz selten gibt es ein absolutes Aha-Erlebnis. Aber es gibt eine subtile Verbesserung in einer bestimmten Situation. Die dann aber das Leben schöner macht.

[1] Sabine ist nicht der richtige Name der Therapeutin, die nicht genannt werden will, weil sie derzeit keine Familienaufstellungen anbietet.

Die Person, um die es dabei geht, möchte anonym bleiben. Aufgezeichnet wurde der Erfahrungsbericht von Aline Sommer.

Passende Angebote

Spirituelle Woche auf Sardinien

Klosterfinca Gran Canaria

 

 

Bildnachweis: „Happy Family“ by Elena Schevardo via Flickr

 

Sie müssen eingeloggt sein um ein Kommentar zu posten.