„Achtsamkeit ist nicht das Ziel, sondern der Weg.“

Achtsamkeit und Natur

Ich bin mit Dr. Julia Harfensteller zum Frühstück verabredet. Julia ist Mitbegründerin des Berliner Zentrums für Achtsamkeit und Gesundheit, kurz AGES. Seit vielen Jahren erforscht sie welche Auswirkungen Achtsamkeit auf unsere Gesundheit und Wohlbefinden hat und wie wir Achtsamkeit in unseren Alltag integrieren können.

Und wirklich, Julia wirkt irgendwie entspannter als ich. Ihre Handlungen sind langsamer, Sie überlegt ein wenig länger, bevor sie spricht und wenn sie mir zuhört habe ich das Gefühl, dass sie 100% bei mir ist. Und irgendwie überträgt sich ihre Ruhe auf mich.

Achtsamkei Dr. Julia Harfensteller

Dr. Julia Harfensteller

Julia, Achtsamkeit hat das Potenzial ein Unwort zu werden. Alle reden drüber, aber ich glaube viele wissen gar nicht, was Achtsamkeit ist. Also, ganz kurz, was ist Achtsamkeit?

Im Kern ist Achtsamkeit die Fähigkeit, den Geist immer wieder zurück in den Moment, ins Hier und Jetzt zu holen und zu versuchen, die Dinge so wahrzunehmen, wie sie sind, unvoreingenommen und ohne zu urteilen. Mit diesem Instrument, die Welt in uns und um uns herum unverzerrt, d.h. ohne die „eigene Brille“ eigener Vorstellungen, Anschauungen, Meinungen und Projektionen wahrzunehmen, haben wir etwas sehr kostbares in der Hand. Ganz einfach gesagt führt bedeutet Achtsamkeit zu praktizieren, die Bedingungen zu schaffen, um mit sich selber wirklich in Kontakt zu kommen.

Das klingt spirituell, ein bisschen abgehoben. Erklär es mal genauer.

Achtsamkeit ist ein individueller Prozess. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, mit sich selbst in Kontakt zu treten. Zum Beispiel durch einen Waldspaziergang. Aber nur so lange, wie keine Routine, kein Muster daraus entsteht. Der Waldspaziergang kann heute funktionieren, morgen schon nicht mehr. Achtsamkeit ist nicht das Ziel, sondern der Weg.

Das heißt, es gibt keine allgemeingültige Lösung, um Achtsamkeit in den Lebensalltag zu integrieren?

Nein, Achtsamkeit ist wie ein Vergrößerungsglas. Ich zoome in eine Situation und schaue sie mir genauer an: Was fühle ich in dieser Situation? Trauer, Freude usw. Was geht sonst noch in mir vor? Welche Gedanken sind gerade da? Was sage ich gerade? Ich halte also einen Moment inne und sehe mir also die Situation genauer an, ohne sofort zu reagieren. Dadurch öffnet sich ein kleines Zeitfenster, in welchem ich durch ein bewusstes Wahrnehmen meiner selbst und meiner Umwelt Zeit habe, mir zu überlegen, wie ich wirklich handeln möchte anstatt automatisch ein Muster abzuspielen.

Das heißt, wir beobachten uns nicht genau genug.

Ja, wir sind im Alltag meistens so angespannt und überhaupt nicht bei uns, dass wir impulsiv handeln und einfach nur automatisch unsere Muster abspulen: Wahrnehmungsmuster, Denkmuster, Verhaltensweisen und all die anderen „alten Kaugummis“. Wenn wir im Stress sind und unseren Autopiloten fahren, pöbeln Leute an, haben Essattacken oder wir zünden uns erst einmal eine Zigarette an. Wir sind nicht mehr bei uns selber und reagieren ferngesteuert.

Das heißt mit Achtsamkeit kann ich mein Leben ändern und ein besserer Mensch werden?

Jein. Bei Achtsamkeit geht es nicht darum, etwas zu verändern, sondern Achtsamkeit hilft erst einmal „sehen lernen“. Ein achtsamer Lebensstil wird aber höchstwahrscheinlich Veränderungen hervorrufen und die Lebensqualität verbessern.

Das klingt in der Theorie prima. Aber wie kann ich nun Achtsamkeit in meinem Alltag unterbringen?

Du könntest Dir für den Anfang für eine Sache im Alltag einmal Zeit nehmen und Sie BEWUSST ausführen. Beispielsweise Geschirr abspülen oder Tee trinken. Während du diese Tätigkeit ausführst, dann sei wirklich ganz bei der Sache und erforsche, was mit dir geschieht: Zum Beispiel beim Geschirrspülen: Wie fühle ich mich gerade? Was für Gedanken entstehen beim Abspülen (auch Bewertungen und Urteile sind Gedanken!) Wie fasst sich das Wasser an? Kalt, warm. Ist es angenehm? Wie riecht das Spülmittel? Die Situation bewusst erleben.

So wie bei einer Meditation?

So ähnlich. Es kommen Gedanken, die nimmt man an und lässt sie ziehen. Und versucht tief in die jeweilige Situation einzutauchen.

Auwei. Ich stelle mir gerade vor, meine Kinder springen um mich herum, schreien, kloppen sich, es klingelt an der Haustür und ich spüle da völlig entspannt meine Teller. Das kann doch nicht funktionieren!

Doch schon. Aber ich empfehle Dir, mit der Achtsamkeit am Morgen anzufangen. Sie trägt Dich dann durch den ganzen Tag. Ist der Autopilot erst einmal angeschaltet, wird es schwieriger.

Julia, Du machst unter anderem Achtsamkeitsseminare im Buddhistischen Haus Berlin. Wer von uns ist denn besonders bedürftig.

Ganz besonders Ärzte, aber auch Mütter wie Du, Eltern generell. Und Menschen, die gesundheitliche Probleme haben. Ich arbeite seit einiger Zeit mit Menschen mit Neurodermitis. Achtsamkeit muss eine chronische Krankheit nicht unbedingt heilen, aber durch ein achtsames Leben bekommen die Patienten die Krankheit in den Griff. Und dann verbessert sich das Hautbild.

Das heißt, dass Stress für Neurodermitis mitverantwortlich ist?

Ja klar. Und es ist schon ein großer Gewinn der Achtsamkeitspraxis, überhaupt erst einmal festzustellen, wie sehr ich eigentlich unter Dauerspannung stehe. In einem meiner Kurse hatte ich eine Patientin, die sehr stark betroffen war. Sie kam immer als Letzte, rannte auf ihren Platz und wirkte total gestresst. Erst im Laufe des Kurses wurde ihr bewusst, wie sie unter Strom stand. „Ach Gott, ich bin gerade furchtbar angespannt.“

Ich glaube, es macht gerade klick. Zum Schluss, gib mir doch einen Tipp, wie ich achtsamer leben kann.

Nimm Dir vor, mindestens eine Sache am Tag ganz bewusst zu machen. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, mach Dir einen Tee, setze Dich ein paar Minuten hin und spüre in Dich hinein. Wie fühlst du dich gerade? Was geht gerade wirklich in dir vor? Es kommt wirklich nicht auf die Quantität an, sondern auf die Qualität.

Danke Julia, das war sehr interessant.

 

Aktuelle Achtsamkeitskurse von Julia Harfensteller.

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