Schamanische Rituale lernen – „So als werde etwas Verschüttetes wieder hervorgeholt.“

Werner Gertz mit Trommel - Schamanismus -

Seit einigen Jahren praktiziert Werner Gertz Schamanismus. In diesem Interview räumt er mit den Vorurteilen auf und erklärt wie und warum schamanische Rituale funktionieren, was Schamanismus kann und wofür man ihn einsetzt.

Werner Gertz praktiziert Schamanismus

Herr Gertz, Sie praktizieren Schamanismus und Sie haben ein Buch über Schamanismus geschrieben. Können Sie ganz kurz beschreiben, was Schamanismus ist? Das hört sich doch zuerst einmal nach Hokuspokus und Exotik an…

Fragt man Menschen, was ihnen zu dem Wort „Schamane“ einfällt, bekommt man etwa solche Antworten: Schamanen sind eine Art Medizinmänner im Urwald. Schamanen sitzen nachts in magischen Kreisen um ein Feuer herum. Sie vollziehen merkwürdige Rituale, nachdem sie Kräuter geraucht oder Pilze gegessen haben. … Sie tragen Masken …, Tier-Utensilien …, trommeln sich in Trance …, tanzen ekstatisch und wild …, und sie sprechen mit Geistern!
Die Bewertung schwankt zwischen Faszination und heftiger Ablehnung.
So spektakulär das alles sein mag, der Kern des Schamanismus liegt – entgegen der landläufigen Vorstellung – nicht in einer merkwürdigen Folklore, sondern in geistigen Belangen.

Angelehnt an die Definition der in Österreich beheimateten Foundation for Shamanic Studies Europe (FSS) ist ein Schamane eine Person (Mann oder Frau), die absichtsvoll veränderte Bewusstseinszustände aufsucht, um (mentale) Reisen in andere Wirklichkeiten, in die so genannte ‚nicht-alltägliche Wirklichkeit‘ zu unternehmen. Die Absicht ist dabei, der Gemeinschaft zu helfen.

Auf ihren Reisen können Schamanen etwa Hinweise bekommen, wie sie Krankheiten erkennen und Kranken helfen können. Sie sorgen für gute Ernten und suchen und finden Lebensnotwendiges für ihren Stamm. Sie lösen Konflikte und führen Versöhnung herbei.

Ist das nun Hokuspokus? Der Stamm war auf die Fähigkeiten des Schamanen angewiesen, um in der Wildnis zu überleben. Wenn er nur Hokuspokus gemacht hätte, hätte man ihn mit Schimpf und Schande davon gejagt. Er musste Ergebnisse bringen. Und so mysteriös das Ganze auch klingen mag – der Schamanismus ist eine ausgesprochen praktische und sehr ergebnisorientierte Methode. Dass er Tausende von Jahren intakt überlebt hat, hat einen ganz einfachen Grund: Schamanismus funktioniert.

Warum hat der Schamanismus auch heute noch seine Berechtigung?

Neben dem traditionellen Schamanismus gibt es eine moderne Ausprägung. In den 1980er Jahren erforschte der amerikanische Anthropologe Michael Harner den Schamanismus bei verschiedenen Indianer- und anderen traditionellen Volksstämmen in der Welt. Unter anderem suchte er den gemeinsamen Nenner der verschiedenen Traditionen und entwickelte den sogenannten „Core-Schamanismus“.

Der Schamanismus beruht auf Erfahrungswerten und Wissen. Er kennt keine Vorschriften und Regeln, und es gibt kein Mittelsmänner oder geistliche Autoritäten – wie etwa Priester. Deswegen steht der Schamanismus in keinem Widerspruch zu irgendeiner Religion. Auch gehört er zu keiner Philosophie-Richtung. Der Schamanismus wird ständig weiterentwickelt. Er ist als Lebensform erlernbar und erfordert neben Demut vor der Schöpfung eine hohe Selbstdisziplin in der praktischen Lebensweise.

Beschreiben Sie doch mal, wie läuft eine schamanische Sitzung ab?

Kern und eines der wirkungsvollsten Werkzeuge des Schamanen ist die „Schamanische Reise“. Voraussetzungen dabei sind eine klare Absicht – also ein Ziel – und der Wille, ein Problem zu klären oder Heilung zu erwirken. Und letztlich das Vertrauen auf die Hilfe der geistigen Welt.

Die Teilnehmer sitzen im Kreis, oder Klient und Schamane sitzen sich gegenüber. In einem Raum oder auch in der freien Natur. Dann klärt man das Ziel der Reise, etwa die Bitte um eine Information oder um eine Heilung. Dann werden einige vorbereitende schamanische Rituale durchgeführt: Der Raum wird energetisch gesäubert, z. B. durch das Abbrennen von weißen Salbei. Daraufhin gibt es ein Anrufungsritual an die geistige Welt. Und der Schamane beginnt zu trommeln.

Die Reise beginnt. Während der Reise bewegt sich der Schamane in einer „nicht-alltäglicher Wirklichkeit“, die sich nach traditioneller schamanischer Auffassung in die “3 Welten“ untergliedert.

Nach der Reise bedanken sich der Schamane und sein Klient mit einem Danksagungs-Ritual.

Stichwort schamanische Rituale: Also ist Schamanismus doch Hokuspokus?

Wir sind umgeben von Ritualen: in den Kirchen, beim Abschreiten einer militärischen Ehrenformation zur Begrüßung eines Staatsgasts, beim Absingen der Nationalhymne mit der Hand am Herz. Aber beim Schamanismus denkt man sofort an Hokuspokus…

Das Trommeln scheint beim Schamanismus eine wichtige Rolle zu spielen…

Ja, das stimmt. Im normalen Tagesbewusstsein befindet sich unser Gehirn im sogenannten Beta-Zustand. Im Traum sind wir im Theta-Zustand, das Unterbewusstsein ist aktiv. Ein Merkmal dieses Hirnzustands ist, dass wir uns beim Erwachen, also beim Übergang in den bewussten Zustand, meistens nicht mehr an unsere Träume erinnern können.
Beim schamanischen Reisen wird im Gehirn durch das rhythmische Trommeln mit 4–7 Trommelschlägen pro Sekunde der Alpha-Zustand erreicht. Wir sind wach, aber entspannt und ruhig, und sowohl das Bewusstsein als auch das Unterbewusstsein sind aktiv. Der Schamane ist in diesem Zustand empfänglich für die Informationen aus der geistigen Welt. Er nimmt sie bewusst wahr, kann die Reise bewusst steuern. Der Klient ist während der Reise in einem entspannten, fast meditativen Zustand.

Sie haben eine naturwissenschaftliche Ausbildung. Elektrotechnik studiert. Wie passt das zum Schamanismus?

Spiritualität und Wissenschaft werden oft als unüberbrückbarer Gegensatz wahrgenommen: Glaube einerseits, eher vage und unbewiesen, und solides, beweisbares und bewiesenes Wissen andererseits, mit Schwerpunkt im Bereich der Materie.

Doch spätestens seit der Quantenphysik wissen wir, dass die klassische Naturwissenschaft auf verlorenem Posten steht. Neuzeitliche Wissenschaftler widmen sich zunehmend spirituellen Themen, sofern sie in der Lage sind, das akademische Feld der wissenschaftlichen Forschung mit den Erfahrungshorizonten des Nicht-Sichtbaren zu verknüpfen. Das gilt auch für die Schulmedizin, deren fortschrittliche Vertreter sich vorsichtig und sensibel den alternativen Heilkünsten (Komplementärmedizin) öffnen.

Interessant dabei ist, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse das bestätigen, was die Schamanen „schon immer“ gewusst haben.

Wie sieht denn das Weltbild des Schamanen aus, im Gegensatz zur materialistischen Naturwissenschaft?

Unsere Sinnesorgane nehmen nur einen Bruchteil der Umwelt wahr, z. B. ein Milliardstel des elektromagnetischen Spektrums. Wir glauben aber, dass wir die „gesamte Welt“ wahrnehmen. Ein Schamane hat einige Grundüberzeugungen: Der Mensch besteht aus Körper, Seele und Geist. Die Seele existiert über den Tod hinaus und kann reinkarnieren. Der Begriff der Reinkarnation heißt „Wiederfleischwerdung“ oder „Wiederverkörperung“. Demzufolge gibt es eine Welt jenseits unserer bewussten Wahrnehmung. Weiterhin: Die Schöpfung ist kein Zufall, sondern von einem intelligenten Geist geplant Und alles ist mit allem in einem Geist verbunden. Und darüber hinaus: Die Zeit ist eine mehrdimensionale Größe und nicht nur linear angelegt.

Sie sprechen davon, dass Schamanismus erlernbar ist. Wie lange braucht denn jemand ohne Vorkenntnisse, um schamanische Praktiken zu lernen?

Gegenfrage: Wie lange braucht jemand, um ein Instrument zu lernen?

Das hängt wahrscheinlich von der Begabung und vom Fleiß ab.

Richtig. Und vom Ziel. Das Ziel beschreibt das Niveau, was man erreichen möchte und erreichen kann. Viele können ein Instrument gut für den Hausgebrauch spielen, aber nur wenige werden anerkannte berühmte Musiker.

Die normale schamanische Grundausbildung umfasst etwa sechs Seminarsequenzen von 2 – 3 Tagen. Mit Pausen zwischendurch zieht sich das etwa über anderthalb Jahre hin. Das ist die Basis, und der Rest ist Praktizieren, am besten in einem Kreis von Gleichgesinnten. Schamanismus basiert auf Erfahrungswissen. Und diese Erfahrung muss man sammeln. Das heißt: üben, üben, üben…

Es ist allerdings erstaunlich, wie viele Menschen in kurzer Zeit unter guter Anleitung schamanisches Potenzial entfalten können. So, als werde etwas Vorhandenes, Verschüttetes wieder hervorgeholt.

Bei unserer Reise „Namibia spirituell“ werden alle Seminarabschnitte kompakt während der knapp dreiwöchigen Reise behandelt.

In Ihrem Buch schildern Sie in 50 Fallstudien die Anwendungsbereiche von Schamanismus. Welcher Fall hat Sie besonders berührt?

Der Fall von Jana. Um den Fall zu verstehen, ist zunächst ein wenig Theorie notwendig. Es ging in diesem Fall die Heilung eines Traumas. Die psychosomatische Trauma-Therapie beschreibt ein Trauma als extreme Lebenserfahrung, mit der der betreffende Mensch überfordert ist, weshalb Gehirn und Bewusstsein verschiedene Überlebensstrategien einsetzen. Damit kann einhergehen, dass gesamte Wertestrukturen und Lebenskonzepte ins Wanken geraten. Dann entsteht ein Moment, in dem die Zeit sozusagen anhält und ein Teil des Bewusstseins sich abspaltet. Das schützt einerseits den Menschen vor dieser Überlastung, andererseits ist die Energie dann an dieses Ereignis gebunden und fehlt in der Gegenwart.

Aus schamanischer Sicht geht es hier um die Seele, die unsere ganz persönliche Energie enthält. Schicksalsschläge, Verluste, Demütigung, Mobbing, Verrat oder Angst können jedoch Teile der Seele dazu bringen, den Körper zu verlassen. Dieser Vorgang ist ein Akt, mit dem sich die Psyche selber schützt, wenn eine Situation zu schwer geworden ist oder wenn sie von übermächtigen Gefühlen überschwemmt wird, die sie nicht mehr tragen kann. Der Teil der Seele, der am meisten leidet, erstarrt im Geschehen und bleibt wie eingefroren genau in der Zeitzone des Lebens wie abgekapselt stehen, in der sich die betroffene Person gerade befindet. Der Betreffende verfügt dann nur noch über ein Teil seiner Kraft und Lebensenergie.
Der Schamane ist in der Lage, verlorene Seelenanteile aufzufinden und sie wieder zurückzubringen.

Doch nun das Beispiel:
Jana ist die Tochter einer guten Bekannten. Ihr Vater Michael, den sie überaus geliebt hatte, starb vor einigen Jahren an Krebs, ein Schock für die gesamte Familie und insbesondere für das damals 11-jährige Mädchen. Ihre Mutter erzählte, dass Jana (inzwischen 16 Jahre alt) oft geistig abwesend und unkonzentriert sei und Schwierigkeiten in der Schule habe.
Nach unserem Gespräch waren wir der Überzeugung, dass Jana ein Seelenanteil fehlt. Aber wir hatten keine Idee, wie wir an dieses Thema herangehen könnten, denn sowohl Mutter als auch Tochter waren sehr verstandesbetonte Menschen, die mit dem Schamanismus überhaupt nichts anfangen konnten.
Und die schamanische Ethik verbietet es dem Schamanen, von sich aus ohne den klaren Auftrag des Klienten tätig zu werden. Dies wäre ein schwerwiegender Eingriff in dessen freien Willen.

Auf Bitten der Mutter half ich an einem der folgenden Tage Jana bei der Vorbereitung einer Rede, die sie in der Schule halten musste. Ich sah keinen Ansatz, wie ich ihr darüber hinaus schamanisch helfen könnte, da selbst eine behutsame Erwähnung des Themas mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer völligen Ablehnung führen würde.
Ich gab das Problem an die geistige Welt weiter und bat um Hilfe. In der Nacht danach erschien mir Jana im Traum. Davon wurde ich wach. Ich reiste zu der geistigen Beschützerin von Jana und fragte, ob ich etwas tun dürfe. Sie sagte mir, ich solle mit Jana reden. Wir überlegten gerade, wie ich ihr die Situation auf einer logischen, nicht-spirituellen Ebene erklären könne, da erschien plötzlich Michael, ihr Vater. Er brachte Jana den verlorenen Seelenanteil mit, gab ihn ihr mit einer liebevollen Gebärde zurück und sagte zu seiner Tochter:
„Liebe Jana, ich danke Dir sehr, dass Du mir damals, als ich auf dem Weg in die geistige Welt war, als Zeichen Deiner Liebe und Verbundenheit einen Teil Deiner Seele mitgegeben hast. Du hast mir damit sehr geholfen, aber jetzt brauche ich ihn nicht mehr, sondern Du brauchst ihn selbst. Ich möchte ihn Dir gern zurückgeben.“
Strahlend nahm Jana ihren Seelenanteil zurück. Sie umarmten sich glücklich, und Jana sagte:
„Papa, ich habe Dich immer noch lieb.“

Die geistige Beschützerin, die Michael herbeigeholt hatte, legte ihre Hände auf beide und segnete sie. Dann kam noch ein weißer Engel und segnete sie ebenfalls. Die ganze Szene war höchst ergreifend und strahlte so viel innige Liebe, Herzlichkeit und Dankbarkeit aus, dass ich vor lauter Rührung in Tränen ausbrach.
Janas Mutter hatte von all dem nichts erfahren, jedoch schickte sie mir wenig später eine Mail mit folgenden Worten:
„Lieber Werner, Du hast Jana sehr geholfen. Ich glaube, Du machst ihr Mut und entlockst ihr durch Selbstvertrauen die schon vergessenen Fähigkeiten.“
Wenn die Mutter wüsste, dass sie eigentlich der geistigen Welt danken müsste und nicht mir, der praktisch nur als Zuschauer dabei war …

Und wie geht es Jana jetzt?

Sie hat inzwischen ihr Abitur mit einem Einser-Durchschnitt gemacht und studiert ein Numerus Clausus-Fach.

Sie leben in Namibia. Warum Namibia? Ist das Land für den Schamanismus besonders geeignet?

Ich bin Rheinländer, habe in Aachen Elektrische Nachrichtentechnik und Wirtschaftsingenieurwesen studiert und dort meine Frau, eine Farmerstochter aus Namibia kennengelernt. Wir haben dann über 40 Jahre in Aachen gelebt. Als unsere Kinder aus dem Haus waren, hatte meine Frau doch etwas Heimweh und wir beschlossen, noch mal etwas Spannendes zu machen, in dem wir den Kontinent wechseln.

In Namibia bin ich dann mit dem Schamanismus in Berührung gekommen in Gestalt meiner schamanischen Lehrerin Inge, auch eine Deutsche, die mehrere Jahre auf einer eigenen Farm in Namibia gelebt hat.
Das Land strahlt eine besondere Energie aus. Durch seine unverfälschte, ursprüngliche und teils archaische Natur, die man z. B. in Deutschland nur noch selten vorfindet, außer vielleicht am Meer und im Gebirge.

Durch diese Nähe zur Schöpfung erhöht sich die Intensität des Erlebens und auch die spirituelle Wahrnehmung wird gesteigert. Wir können zurückfinden zu unseren inneren Kräften. Kaum wo anders kommen wir unserer eigenen Natur so nah wie hier!

Vielen Dank Herr Gertz für dieses ausführliche, interessante Gespräch!

Reisetipp: Schamanismus

„Namibia Spirituell“ – 18tägige Reise vom 5.-23.3.2017 Schamanistische Grundausbildung in Namibia

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