Geführtes Zeichnen in Himmelspforten

und die drei Dimensionen von «Wie geht es Dir?»

Schon mit dem Eintritt durch das Tor scheint man in eine andere Welt zu kommen. Draußen der Freitagabendverkehr von Würzburg, die Mainaustraße mit Gewerbe, Supermärkten – Staub, Lärm – drinnen ein weiter Garten, mit Bänken, Wasser, Kunst, Ruhe und das Gefühl an einem wohlbehüteten Raum zu sein. Trotz der Hitze dieses Julitages scheint es hier etwas kühler, angenehmer.

Wunderschöner Garten in HimmelspfortenAls Teil des alten Karmelitinnen-Klosters ist das restaurierte Exerzitienhaus Himmelspforten seit 2005 eine moderne Begegnungsstätte der Diözese Würzburg. In Himmelspforten finden Kurse, Weiterbildungen und Seminare statt.

Ich bin wegen dem Basiskurs Geführtes Zeichnen mit Martina Dittmann hierhergekommen. Das Geführte Zeichnen ist eine Initiatische Therapie. Diese von Graf Dürkheim entwickelte Therapieform soll uns Menschen näher an unseren Seelenkern bringen. Sich selbst näherkommen. Deswegen bin ich hier.

Martina Dittmann, ausgebildete Spirituelle Wegbegleiterin, führt schon seit vielen Jahren Kurse im Geführten Zeichnen durch. Das spürt man. Ihr undogmatischer, herzlicher Stil macht neugierig auf das, was kommt.

Mit nackten Füßen auf dem Boden einen festen Stand zu finden

Geführtes Zeichnen PittkreideEs ist Samstagmorgen. Der Raum ist schon für uns hergerichtet: Auf den Tischen liegen die Zeichenbretter und Papier. Die Pittkreide liegt bereit. Jeder darf sich einen Platz aussuchen. Die Schuhe lassen wir vor der Tür, auch Taschen und Krimskrams.

Zunächst erzählt uns Martina etwas über sich und wie sie zum Geführten Zeichnen gekommen ist. Dann sind wir dran. Martina betont gleich am Anfang, dass alles, was man macht, ein Prozess ist. Es gibt kein Ende. Man hört niemals auf. Für mich ist das eine ganz wichtige Aussage. Denn immer wieder höre ich, dass Menschen das Bedürfnis haben, «endlich anzukommen». Doch wenn das stimmt, was Martina sagt, dann kommt der Mensch niemals an. Er ist auf der Durchreise. Das ist genau das, was ich auch glaube.

Sie untermauert das mit einem Ausspruch von Dürckheim: «Das Ziel ist der Weg». Und gleichzeitig ist auch der Pilgerspruch «Der Weg ist das Ziel» richtig.

Und ich lerne gleich zu Beginn des Seminars, dass die Frage «Wie geht es Dir?» drei Dimensionen hat: Eine geistige, eine seelische und eine körperliche. Ich finde, es ist gar nicht so einfach, diese drei Dimensionen auseinanderzuhalten. Ehrlich zu sich zu sein. Und ich glaube, auch die anderen tun sich ein bisschen schwer.

Ein wichtiger Teil des Geführten Zeichnens sind Spürübungen. Martina leitet uns an und unterstreicht, wie wichtig die Erdung sei. Wir versuchen mit nackten Füßen auf dem Boden einen festen Stand zu finden. Wir atmen und schweigen. Versuchen ganz und gar im Hier und Jetzt anzukommen.

Tastend entstehen erste Bilder

Und dann ist es endlich soweit. Wir dürfen zeichnen. Im Geführten Zeichnen werden zuerst die Grundelemente gezeichnet: Senkrechte, Waagerechte, Kreis… Wir beginnen mit der Senkrechten. Dazu legen wir unsere Zeichenbretter hochkant. Und erspüren mit geschlossenen Augen unseren Arbeitsplatz. Meine Hände tasten über das Papier. Ich berühre das Holzbrett. Meine Fingerspitzen fahren am Papiers entlang. Ich fühle die festgeklebten Ecken. Dann greife ich zur Kreide. Ich male also eine Senkrechte. Das Besondere daran ist, dass man beim Geführten Zeichnen beide Hände gleichzeitig benutzt. Ich male von oben nach unten und von unten nach oben. Es ist so ungewohnt etwas mit geschlossenen Augen zu tun. Dann bin ich fertig. Voller Erstaunen erblicke ich zum ersten Mal mein Bild. Ich betrachte es lange. Dann schreiben wir Datum und Nummer an den Bildrand und geben dem Bild einen Titel. Meins heißt «Straße».

Es entstehen zwei weitere Senkrechte. Und dann malen wir unsere erste Schale. Ich merke, dass es wirklich ein «ES» gibt, dass aus mir malt. Schwungvoll entsteht das Bild. Ich bin überrascht, wenn ich meine Bilder das erste Mal sehe. Auch wenn ich ein Gefühl davon habe, was ich male, bin ich fasziniert, wenn ich mein Bild dann WIRKLICH sehe.

Die Schale ist das Symbol der Weiblichkeit. Martina erklärt, dass unser Hara, der göttliche Kern, in unserem Becken sitzt.

Wir legen die Bilder aus. Jeder hat etwas ganz anderes gezeichnet. Manche Bilder «gefallen» mir. Andere lösen in mir etwas Negatives aus. Es wird nichts bewertet. Martina spricht vom «anreichern» und gibt selbst einige Hinweise aus der Initiatischen Therapie.

Und dann ist die erste Session um. Zur Mittagspause gehen wir in den Speisesaal vom Exerzitienhaus. Der ist hell und modern, für meine Begriffe bräuchte es keine Klimaanlage. Das Essen in Himmelspforten ist in Bio-Qualität und liebevoll zubereitet.

Das Haus, das Essen, der Kurs – es ist alles stimmig.

Wer bin ich? Wer bin ich eigentlich? Ich bin…

Am Nachmittag werden wir von Martina Dittmann mit der Frage «Wer bin ich?» konfrontiert. Wir haben eine halbe Stunde Zeit. Ich gehe in den Garten und lege mich in einen der Liegestühle. Aber trotz dieses schönen Platzes mit der rauschenden Blätterkrone über mir, fällt mir keine rechte Antwort ein.

Aber wie alles in diesem Kurs, wird unsere Antwort nicht bewertet. Die Bilder nicht, die Gefühle nicht und auch nicht die Gefühle und Gedanken, die wir beim Betrachten von einem fremden Bild haben. Alles darf. Wir dürfen da sein. Ich fühle mich sehr geborgen.

Wieder werden wir gefragt, wie es uns geht. Es ist schon das vierte oder fünfte Mal heute. Ich bin sicher, dass ich noch nie so oft an einem Tag nach meinem Befinden befragt wurde. Und schon gar nicht mal drei. Aber mir geht es immer noch gut, ich bin seelisch entspannt, körperlich ohne Beschwerden und mein Geist geht wach und neugierig in eine weitere Zeichensession.

Nach dem Abendessen dürfen wir einer Eucharistiefeier im Garten beiwohnen. Es ist Kiliani. Und so handelt die Predigt vom Heiligen Kilian, von Kolonat und Totnan, von den Dreien, die das Christentum nach Würzburg gebracht haben.

Meine Nacht ist unruhig. Ich wache immer wieder auf. Vor meinem Fenster liegt der Innenhof. Stille. Bis zur Dämmerung ist es nicht mehr lang.

Der gefüllte Korb

Als wir dann am nächsten Morgen zu einer ersten Spürübung zusammenkommen, bestätigt Martina, dass die Nacht nach dem Geführten Zeichnen sehr aufwühlend sein kann. Und da merke ich auch so richtig, dass dieser Kurs etwas mit mir macht. Ich fühle mich gut, entspannt, geborgen und doch irgendwie anders.

Wir hören ein afrikanisches Frauenmärchen. Es geht um einen Korb. Und nun in unserer dritten Session dürfen wir auch eine rote Kreide benutzen. Wieder malen wir eine Schale. Und da ist dann noch der Korb aus dem Märchen und meine eigene Geschichte.

Ich spüre, wie ich in meinem Bildentstehungsprozess einige Gefühle durchlaufe, die sich dann wieder verflüchtigen. Das Geführte Zeichnen geschieht auf einer „anderen Bewusstseinsebene“. Ich verliere Raum und Zeit. Die Gefühle, die ich beim Zeichnen erlebe, kann ich schon Minuten später nicht mehr zuordnen. Nur noch die Titel meiner Bilder erinnern daran.

Am Nachmittag dürfen wir uns dann noch mal mit der Frage «Wer bin ich?» auseinandersetzen. Aber auch ein anderer Liegestuhl und das plätschernde Wasser des Brunnens bringen keine klare Antwort.

Wir zeichnen noch einmal. Und spüren nach. Der Gong der Klangschale vibriert sich aus dem Raum.

Und dann ist es Mittag. Und der Kurs ist vorbei. Auf allen drei Ebenden fühle ich mich sehr tief entspannt und unbeschreiblich positiv. Diese anderthalb Tage sind schnell und gleichzeitig langsam vergangen. So macht sich auch während des abschließenden Mittagessens ein Stück Wehmut breit.

Als ich durch das Tor auf die Mainaustraße gehe, bin ich eine andere. Ich verlasse zwar die geborgene Welt vom Exerzitienhaus Himmelspforten, aber ich habe eine neue faszinierende Welt in mir selbst betreten. Die es weiter zu entdecken gilt. Und so fahre ich angereichert auf allen Ebenen auf der Mainaustraße heimwärts.

Kurse mit Martina Dittmann

Exerzitienhaus Himmelspforten

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